Drittes Streichquartett mit Tuba

(2009)

 

  • Dauer ca. 13 Minuten
  • Auftragswerk des Beethoven Orchesters Bonn
  • Uraufführung am 19. Oktober 2009 in Bonn durch
    Christoph Schneider, Tuba
    Keunah Park, Violine
    Melanie Torres-Meißner, Violine
    Christian Fischer, Viola
    Markus Fassbender, Violoncello
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    Musiker der Uraufführung
    mp3
  • erschienen bei:
    Theophilius Productions
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drittes-streichquartett-mit-tubaMein „Drittes Streichquartett mit Tuba“ beginnt mit einem pizzicato-Solo der ersten Violine. Dies geschieht sehr verhalten, so als müsste sie sich erst in das Werk hineintasten. Nacheinander treten dann mit gleichen oder ähnlichen Gesten oder Motiven – ebenfalls pizzicato – die zweite Violine, Viola und Violoncello hinzu. Es entsteht eine etwas eigenartige und zunehmend komplexere kontrapunktische Satzstruktur, in die schließlich wie ein fernes Horn die Tuba, von der Bratsche wie von einem Schatten begleitet, mit lang gehaltenen hohen Tönen von hinter der Bühne einsetzt.

Auch bei der folgenden Kadenz der Tuba aus Trillerfiguren und daraus abgeleiteten virtuosen mikrotonalen Motiven behält die Bratsche ihre begleitende Funktion, während die anderen Streicher pausieren. Dadurch, dass der Solist als Hauptakteur noch unsichtbar bleibt, ergibt sich eine eigentümlich verzerrte Perspektive. Die Tuba wird allmählich immer drängender, und die angestaute Bewegungsenergie entlädt sich in einem schnellen Tutti aus Doppelpunktierungen und Lombardischen Rhythmen, in dem der Solist erstmals die Bühne betritt. Fast gleichzeitig hält auch das Geräusch in Form von lauten, geknarzten Klängen Einzug, so als würde mit der jetzt auch physischen Präsenz des Solisten in eine neue, überdeutliche Perspektive geschwenkt, die auch die geräuschhaften Anteile des Streicherklangs sichtbar macht.

Wie man einen Klavierton als aus zwei Teilen bestehend verstehen kann – nämlich aus dem Geräusch des Hammers, wenn er auf der Saite aufschlägt, und dem Klang der schwingenden Saiten –, so kann man sich den Streicherklang als Mischung aus dem Streichgeräusch des Bogens und der Tonhöhe der schwingenden Saite vorstellen. Beide Anteile sind in jedem Ton abhängig von Spielart, Dynamik, Akzentuierung usw. in unterschiedlicher Stärke vorhanden. Man könnte sich also die Klänge, die beim konventionellen Spiel eines Streichinstruments hervorgebracht werden können, in einer Reihe geordnet denken, in der der Geräuschanteil immer mehr zunimmt. Am Ende dieser imaginären Skala steht dann das oben erwähnte Knarzen, ein Klang, bei dem die Tonhöhe durch den größtmöglichen Geräuschanteil völlig verdeckt wird.

Es folgt ein langsamer Abschnitt, in dem durch allmähliche Reduktion des Geräuschanteils der Weg vom Geräusch zur Tonhöhe mit all ihren farblichen Abtönungen beschritten wird. Außerdem etablieren sich zarte, weit ausladende Linien, die bereits auf den Schlussteil verweisen. Das tiefe Register der Tuba dominiert und wirkt dabei wie ein Magnet, der alles Melodische in eine Abwärtsbewegung lenkt. Das Stück schließt mit einer kurzen, schnellen Coda.