Doppelkonzert

für Vierteltonakkordeon, Akkordeon und Kammerorchester (2010)

 

  • Besetzung
    Flöte (auch Pikkolo)
    Oboe
    Klarinette
    Fagott
    Horn
    Vierteltonakkordeon
    Akkordeon
    4 Violinen I
    3 Violinen II
    3 Violen
    2 Violoncelli
    Kontrabass
  • Dauer ca. 30 Minuten
  • Auftragswerk des Lapland Chamber Orchestra
  • Hören
    Lapland Chamber Orchestra, Susanne und Veli Kujala, John Storgårds
    I. mp3
    II. Intermezzo 1 mp3
    III. mp3
    IV. Intermezzo 2 mp3
    V. mp3
  • erschienen bei:
    Theophilius Productions
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  • PDF (Seiten 1 und 2)

 

Beim Komponieren mit Vierteltönen (die entstehen, wenn die Oktave nicht wie üblich in 12 sondern in 24 gleiche Tonschritte unterteilt wird) sieht man sich einer nahezu unüberschaubaren Fülle von Möglichkeiten gegenüber, diese 24 Töne zu Tonfolgen oder Akkorden zu kombinieren. Dies ist vielleicht vergleichbar mit der ungeheuren Anzahl von möglichen Zügen beim Schachspiel. Als ich beispielsweise im Vorfeld der Komposition versucht habe, eine Skala aus allen 24 Tönen zu erfinden, bei der Ganz- und Halbtöne sowie 1/4- und 3/4-Tonschritte gleich oft erscheinen, habe ich über 900 Skalen gefunden, bei denen das fast der Fall ist (um am Ende festzustellen, dass es eine solche Skala gar nicht geben kann).

doppkonz

Harmonisch habe ich mich an der Obertonreihe orientiert, einer aufsteigenden Tonfolge, die zum Beispiel ein Horn hervorbringen kann, ohne den Griff zu ändern. Von dieser Reihe werden gewöhnlich nur einige Töne verwendet, weil die anderen von unserem Tonsystem abweichen und man sie als falsch klingend empfinden würde. Wenn man diese Reihe also auf einem Klavier darstellen will, dann kann man das nur in einer groben Annäherung, in der die „falschen“ Töne gerade gebogen sind. Mit Vierteltönen gelingt die Darstellung schon sehr viel genauer. Der Obertonreihe begegnet man aber nicht nur als Tonfolge, sondern gewissermaßen auch als Akkord, denn akustisch betrachtet ist jeder Ton, den ein Instrument hervorbringt, tatsächlich ein Zusammenklang aus den Tönen dieser Obertonreihe. Unser Ohr ist also eigentlich auch an die ungewöhnlichen Töne aus der Reihe gewöhnt, die von unserer normalen (temperierten) Stimmung abweichen. Man muss sich dabei immer vergegenwärtigen, dass die Obertonreihe keine menschliche Erfindung ist sondern ein naturgegebenes, physikalisches Phänomen. Im Doppelkonzert habe ich versucht, dies auszunutzen, indem ich nur Akkorde und Intervallkonstellationen verwendet habe, die auch in der Obertonreihe zu finden und damit in gewisser Weise natürlich sind.

Das Doppelkonzert besteht aus drei längeren Sätzen (schnell – langsam – schnell), zwischen die jeweils ein kurzes Intermezzo geschoben ist. Anders als in den Intermezzi, die Solostücke für jeden der beiden Solisten sind, habe ich in den drei Sätzen mit Orchester beide Soloinstrumente so behandelt, als wären sie ein einziges, sehr variables Super-Akkordeon. Es gibt in dem Stück aber auch immer wieder Instrumente aus dem Orchester, die durch längere Solo-Passagen im Vordergrund stehen: Im ersten Satz ist es das Horn, das (mit einigen aus den fast perfekten 900 Skalen) den Satz eröffnet, später unterbricht und letztlich auch beschließt. Im langsamen III. Satz ist es eine einsame Solo-Violine.

Für den letzten Satz hatte ich von Anfang an eine große Kadenz der beiden Solisten ohne Orchester geplant. Während ich aber an dem Satz arbeitete, geriet alles mehr und mehr aus den Fugen und die verschiedenen, meist blockhaften und für die Solisten hochvirtuosen Elemente entwickelten eine Eigendynamik, die nicht mehr aufzuhalten war – außer für den Moment eines kurzen Tanzes, in dem es wie in einem Traum kein Zeitempfinden gibt.