Konzert für Streichorchester

"2. Ansbachisches Konzert" (2011)

 

  • Besetzung
    6 Violinen I
    5 Violinen II
    4 Violen
    3 Violoncelli
    Kontrabass
  • Dauer ca. 14 Minuten
  • Hören
    Münchener Kammerorchester, Alexander Liebreich
    mp3
  • erschienen bei:
    Theophilius Productions
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  • PDF (Seiten 1 und 2)

 

Bach-Strukturen und innerer Widerstand

Den Anfang der Arbeit am „2. Ansbachischen Konzert” prägte im Dezember 2010 die schwierige Rückkehr aus der andersartigen Klang-Welt des vorangegangenen „Doppelkonzerts für Vierteltonakkordeon, Akkordeon und Streichorchester” zum doch recht farblosen europäischen Halbtonsystem. Akribisch und beinahe pedantisch wurden Vorüberlegungen, Gedanken, Skalenbildungen, Akkordgestalten handschriftlich mit Bleistift in Skizzenbüchern gesammelt. Dies alles erinnert sehr an Anton (von) Weberns ausführliche 12-Tonreihen-Studien zur Vorbereitung eines neuen Werkes. Zwei der in Schneiders Skizzenbüchern notierten Gedankenblitze erkennt man dann im April 2011 fertiggestellten „Konzert für Streichorchester” auch wieder: „ausufernde Imitation” (im Sinne von langgezogenen Kanons) und „weit ausladende Melodie”.

Im dem etwa 14minütigen, einsätzigen Werk durchläuft der Zuhörer vier verschiedene Klangräume und Struktur-Zonen:

Klangraum 1 ist formell ein ausgedehnter Doppelkanon, dessen erster Melodieteil eine vom Kontrabass ausgehende, treibende und virtuell mehrstimmig angelegte, seriell geprägte Tonfolge darstellt. Diese Tonfolge enthält eine kurze, hämmernde Sechzehntelfolge, die sich parallel zur Weiterführung der Kanonmelodie fast wie ein Virus immer mehr in der Kanonstruktur ausbreitet, sie beschleunigt und im Klangbild verändert. Als weiteres Melodieelement stellt Schneider über diese pulsierende Schicht eine weit ausgreifende, strahlende und rhythmisch gegensätzliche Violinlinie, die in der Fortentwicklung zur zweiten Kanonmelodie umgewandelt wird. Rasante Melodiebögen entwickeln sich aus dem „viralen" Rhythmusmotiv, darunter auch die Anspielung auf ein ähnliche Linienführung in Bachs 4. Brandenburgischem Konzert.

Klangraum 2 ist eigentlich ein langsamer Satz als integrierter Formteil und war Joachim Schneiders erste Klangidee: ein flimmernd-irisierender Schwebezustand sollte ursprünglich am Anfang des Konzerts stehen. Nun aber fungiert er als schimmernder Klangnebel, als Ruhepol nach treibend kontrapunktischer Hetzjagd. Akkorde mit jeweils 2 Varianten bilden das materielle Grundgerüst dieses Teils, aus 9 Akkorden entwickelte Schneider dann ebenfalls 9 Tonreihen mit ihren jeweiligen Umkehrungen. Sie bilden das grundständige Tonmaterial der gesamten Komposition. Schneider stellt hier schnelle Wechsel zwischen Flageolett und normal gegriffenen Noten gegeneinander, was ein faszinierendes Hörerlebnis zur Folge hat. Zwei wechselnde Farben leuchten abwechselnd aus der Klangwolke heraus. Sie spielen auf die beiden Akkorde an, die den denkbar kurzen Adagio-Verbindungsteil zwischen 1. und 3. Satz des 3. Brandenburgischen Konzerts von Johann Sebastian Bach bilden.

Der ebenfalls nahtlos anschließende Klangraum 3 mutet an wie höchst fantasievoll musikalisierter Pointillismus; ein Prozess der Zersetzung in großräumig verteilte Klangpartikel, klangfarbliche Zerstäubung setzt ein, von kurzen und abrupt-perkussiven Momenten der Stille durchbrochen. Auch hier geht Schneider mit seiner notationstechnischen Umsetzung an die Grenzen dessen, was klassische Notenschrift überhaupt zu leisten vermag.

Klangraum 4, der letzte Teil des „Konzerts für Streichorchester”, zeigt am deutlichsten das anfangs erwähnte Ringen zwischen einem von strukturellen Notwendigkeiten bestimmten Entwicklungsprozess und dem subjektiven Willen zur Fortführung fantasievoller Klanggebilde. Zu Beginn des vierten Abschnitts des Konzerts kristallisiert sich ein deutlich auskomponierter Zwiespalt zwischen struktureller VERNUNFT und gleichzeitigem WIDERSTAND/SICH-DAGEGEN-AUFLEHNEN heraus. Schneider übernimmt zunächst die komplette rhythmische Anordnung des 3. Satzes des 3. Brandenburgischen Konzerts von Bach und überträgt die schon erwähnten 9 Tonreihen mit Umkehrungen auf diese Struktur, gleichzeitig unterlegt er gleichsam eine „innere Gegenstimme” oder zweite Ebene der widersprechenden klanglichen Selbstbehauptung darunter, die sich aus Motiven der Partikelzerstäubung aus Teil 2 und dem „rhythmischen Virusmotiv” aus dem ersten Teil speist. Joachim F.W. Schneider stellt also in den Eckteilen seines „2. Ansbachischen Konzerts” eindeutige Bachbezüge (Doppelkanon und Rhythmusstruktur des 3. Satzes des 3. Brandenburgischen Konzerts) in Spannungs-Beziehung zu seinen persönlichen, handwerklich höchst ausgeklügelten Klangverläufen in den Mittelteilen.

Wolfgang Ponader

 

Komplexe Raffinesse

Viel Beifall für Uraufführung

Das ist selten: Zwei Uraufführungen am „Ansbachtag” mit zwei äußerst unterschiedlichen Ansätzen zum Thema Bach. (...) Am Abend das nunmehr Zweite Ansbachische Konzert von Joachim F.W. Schneider in der Orangerie mit dem Münchener Kammerorchester. (...)

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Sabine Kreimendahl
(FRÄNKISCHE LANDESZEITUNG, 5. August 2011)