Und heil wieder heraus aus dem Gewimmel

Eine Uraufführung bei young.euro.classic

von Peter Uehling

Uraufführungen gehören häufig zu den Schwachpunkten der young.euro.classic-Konzerte. Zwar werden lobenswerterweise oft junge Komponisten um einen Beitrag gebeten, aber wie da meist mit fiebrigem Ehrgeiz danebengelangt wird, wie aus diesem Anlass alles gewollt und wenig erreicht wird, das weckt im Hörer oft den Wunsch, weit weg zu sein. Als beim Konzert des RIAS Jugendorchesters am Freitag ein Werk des 1970 geborenen und in Würzburg lebenden Joachim F.W. Schneider angesetzt war, dämpfte allein der unbekannte Name die Erwartung des Rezensenten. Der Titel Sylphidentänze ließ zudem belanglos-poetischen Klingklang befürchten, sei es nun im verbindlich-programmatischen Stil der Henze-Nachfolge oder als Klangerforschung im Sinne handelsüblicher Avantgarden.

Es war dann beides nicht. Das Werk bedurfte nicht eines Typus, um erkennbar zu sein, es war stark genug, für sich selbst zu sprechen. Hier handelt es sich um eine Musik, der die verfremdeten Klänge so vertraut sind wie die normalen und die daher beide einsetzen kann, ohne dass ein Stilbruch oder die Prätention von Bedeutung entstünde nach dem Schema: Hier befreites Kratzen, dort – Achtung, bitte kritisch hören! – philharmonischer Wohlklang. Das entlastet die Frage nach dem Klang von ihrem historisch-moralischen Gewicht, das Ohr wird frei, auch wieder anderes wahrzunehmen.

Etwa, wie ganz eigen sich das entfaltet, wie vielfältig der Klang ist und wie konsequent er bei aller Farbigkeit gehandhabt wird. Mit einer Sicherheit, von der der ungleich berühmtere Matthias Pintscher noch viel lernen könnte, meidet Schneider die rhetorischen Klischees, die das große Orchester bereithält. Dabei entsteht nie der Eindruck, diese Sicherheit sei lediglich Ergebnis eines konstruktivistisch-konzeptionellen Filters, der Klischees von vornherein unmöglich macht. Schneider entzieht dem Werk nicht die aufregenden Irritationen des kreativen Prozesses, er greift ins lebendige Wimmeln der Töne, gerät in Gefahr und kommt doch heil aus dem Durcheinander wieder heraus.

Launisch wie Luftschlangen

Das Stück geht aus von einem farblich subtil differenzierten metrischen Ticken des Schlagzeugs, in das hinein das Orchester knappe Aktionen setzt. Das Windig-Geistige, auf das der Titel anspielt, mag in der Ungreifbarkeit dieser Aktionen liegen. Sobald das Ticken unregelmäßiger wird, verdichten sich in hoher Lage die intervallischen Zusammenhänge, Fäden entstehen, allerdings immer noch so launisch wie Luftschlangen, die im Geäst gefangen sich drehen. Verdichtung und Zerfall sind somit in paradoxer Gleichzeitigkeit präsent, und auch da, wo sich der Klangkörper zum Höhepunkt zusammenballt, ist dieser Punkt noch verweht, Schraffur, schon wieder auf der Flucht, wenn man ihn noch erwartet.

Solch präzise Wirkung einer nicht gerade einfachen Partitur verdankt sich natürlich nicht zuletzt der hervorragenden Arbeit Hermann Bäumers als Dirigent. In Reinkultur war sie in Alexander Zemlinskys SEEJUNGFRAU zu erleben. Bäumer und das Orchester boten eine unaufgeregte, doch ungemein schlüssige Darstellung der Partitur, deren Nähe zum Jugendstil Bäumer durch die Gleichrangigkeit von Zeichnung und Dekor, von thematischen und ornamentalen Stimmen beschwor. Der Qualitätsunterschied zwischen den sehr seidig spielenden Streichern und den als Gruppe oft inhomogen agierenden Bläsern verdirbt den guten Eindruck nicht, soll aber auch nicht unerwähnt bleiben.

Auf ebenfalls hohem Niveau bewegte sich die Aufführung des Klavierkonzerts von Mikis Theodorakis mit Cyprien Katsaris als Solist. Melodische Eindringlichkeit bei zugleich hart geschnittener, vermittlungsloser Form geben dem Werk eigentümlichen Reiz, und Katsaris brachte das mit lässig-unterkühltem Vortrag angemessen heraus.

(BERLINER ZEITUNG, 18. August 2003)

 

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