Auf die Tasten geschmiert

Das war die beste Zugabe des Jahres: Nachdem sich Cyprien Katsaris mit beiden Händen durch den aufgedunsenen Teig von Mikis Theodorakis' Klavierkonzert gewalkt hatte, setzte er sich nochmals an den Flügel – und schmierte Wolfgang Amadeus Mozarts „Butterbrot“ mit trockenem Humor auf die Tasten. Beim Witz ist Timing alles: Fast schien es, als mokiere sich der achtjährige Mozart mit seinen hingeschmierten Tonleitern über Theodorakis' genauso simple, aber mit gewichtigem Pathos daherstolzierende Skalen. Oder über die zuvor uraufgeführten Sylphidentänze des 1970 geborenen Joachim F.W. Schneider. Trotz kunstvoller, luftig flüsternder Instrumentation hatten die keinen rhythmischen oder melodischen Einfall aufzuweisen, der die Sinne auch nur halb so aufgeweckt hätte wie Mozarts Kinderspiel mit Tonleitern und Kadenzfloskeln. An Technik mangelt es übrigens auch dem RIAS Jugendorchester und seinem Dirigenten Hermann Bäumer nicht, die ihr Programm im Konzerthaus mit Alexander Zemlinskys Fantasie DIE SEEJUNGFRAU beschlossen. Allerdings machte sich dies meist in einzelnen, wie separat vorbereitet wirkenden Phrasen bemerkbar (wobei die Leistung der Soloflötistin besonders herausstach). Vielleicht war der fehlende Wille zum gemeinsamen Erzählen schuld, dass es dazwischen immer wieder zu kleinen Konzentrationshängern kam. Nur einmal, am Ende des zweiten Satzes, wo sich die Hörner über die quälend ineinander geschobenen Streicherharmonien schichten, schien Bäumer den jungen Musikern jene unbedingte Hingabe vermittelt zu haben, die ein echter Künstler braucht. Und sei es auch nur, damit ihm nicht ein anderer die Butter vom Brote stiehlt.

Carsten Niemann (DER TAGESSPIEGEL, 18. August 2003)

 

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