Drei Orchesterstücke

(2008)

 

  • Orchesterbesetzung
    2 Flöten (2. auch Altflöte und Pikkolo)
    2 Oboen
    2 Klarinetten (2. auch Bassklarinette)
    2 Fagotte
    2 Hörner
    2 Trompeten
    Pauken
    1 Schlagzeuger
    Akkordeon
    6 Violinen I
    5 Violinen II
    4 Violen
    4 Violoncelli
    2 Kontrabässe
  • Dauer ca. 19 Minuten
  • 1. Preis und Publikumspreis der Stadt Kotka beim II. Internationalen Uuno Klami Kompositionswettbewerb 2009 in Finnland
  • Hören
    Kymi Sinfonietta, Dirigent: Yasuo Shinozaki
    I. mp3
    II. mp3
    III. mp3
  • erschienen bei:
    Theophilius Productions
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Ordnung komponieren und in Unordnung bringen

Ich entwerfe in meinen Stücken häufig Strukturen, die nach andauernder Wiederkehr des immer Gleichen klingen, obwohl sich darin zu keinem Zeitpunkt etwas exakt wiederholt. Es fasziniert mich, in einem klar abgesteckten Rahmen nach allen existierenden Möglichkeiten der Ausformung zu suchen und daraus eine Ordnung zu komponieren, der – betrachtet man sie im Detail – eine schier endlose Vielfalt innewohnt. So verwende ich beispielsweise häufig Folgen von Zwölftonakkorden, weil sie in ihrer gleichförmigen Dichte doch nahezu unendlich viele Schattierungsmöglichkeiten besitzen.

Für meine „Drei Orchesterstücke“ habe ich zunächst 172 Allintervallakkorde gebildet. Das sind Akkorde, die aus allen 12 Tönen und gleichzeitig aus der Übereinanderschichtung aller 11 Intervalle (kleiner als die Oktave) bestehen. Der Umfang dieser Akkorde ist immer gleich und ziemlich groß (Tritonus plus 5 Oktaven), und dadurch, dass jeder Ton und jedes Intervall genau einmal vorhanden ist, symbolisieren sie für mich etwas Ausgewogenes, Ausbalanciertes und Harmonisches. In allen Akkorden liegen zudem große und kleine Sekunde nebeneinander, und in den meisten gibt es Intervallfolgen, die Dur- oder Mollakkorde ergeben.

drei-orchesterstuecke

Jedes der „Drei Orchesterstücke“ basiert auf einer anderen Anordnung derselben 172 Akkorde. Ich hatte also drei (Akkord-)Materialblöcke mit gleicher Oberfläche aber unterschiedlicher innerer Beschaffenheit, aus denen ich wie ein Bildhauer drei ganz verschiedene Figuren herausarbeitete, wobei das innere Gefüge der Blöcke durchaus Einfluss auf Strukturgebung und Instrumentation haben sollte. So ist im I. und im III. Satz – obwohl eigentlich zu jedem Zeitpunkt alle 12 Töne klingen – ein permanentes Aufleuchten der erwähnten Dur- und Mollakkorde zu hören und im III. Satz eine sich allmählich nach oben windende pizzikato-Linie, die aus den nebeneinander liegenden Sekunden entwickelt ist.

Durch das Herausheben einzelner Bestandteile der Akkorde kehrte so etwas wie Unordnung in die eigentliche Ausgewogenheit ein. Dies nahmen kleine Motive zum Anlass, sich in die Musik hineinzudrängen und immer mehr Platz einzunehmen, bis sie ganze Formteile prägten. In allen drei Sätzen sind diese Seitengedanken gleich oder ähnlich, so dass es auch eine formale Komponente gibt, die sich über das gesamte Werk erstreckt. Wie Schriftsteller oft berichten, dass ihnen ihre Romanfiguren den Fortgang des Werkes diktieren, so haben mir in den „Drei Orchesterstücken“ gerade diese kleinen Motive regelrecht aufgezwungen, die wörtliche Wiederholung, die ich bisher unter allen Umständen vermieden habe und noch immer vermeide, als Möglichkeit heranzuziehen. Dies ging so weit, dass der Schluss des I. Satzes, ein kanonisch geführtes Perpetuum, und der Schluss des III. Satzes (nahezu) identisch sind. Die Ähnlichkeit der beiden Sätze ist allerdings auch vorher schon vorhanden, denn der letzte wirkt anfangs wie eine beschleunigte Version des ersten, bevor er sich in eine andere Richtung entwickelt und eben wieder genau dahin zurückkehrt, wo auch der I. Satz endet.

Der langsame II. Satz ist deutlich länger als die beiden anderen. Ihn dominiert weitgehend der Streicherklang, der durch die solistische Verwendung dieser Orchestergruppe bis zum Äußersten ausdifferenziert ist. Es geht hier weniger um die Herausarbeitung der Akkordbestandteile (wie in den beiden anderen Sätzen), sondern vielmehr um das sich Hin-und-her-Bewegen zwischen (Streich-)Geräusch und Ton und die allmähliche Veränderung des Klangbildes. Natürlich melden sich auch die kleinen Motive und Seitengedanken wieder zu Wort. In der Mitte des Satzes gibt es dann einen eigentümlichen Stillstand. Die Streicher pausieren und die Bläser tragen eine Musik vor, die irgendwie gar kein Tempo hat. Erst nach einer ganzen Weile zeigen sich die Streicher wieder und führen die begonnene Entwicklung von davor zu Ende.

Joachim F.W. Schneider

 

Foto © Heikki Y. RissanenPreisverleihung

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