Sylphidentänze

(2003)

 

  • für großes Orchester
    3 Flöten (2. auch Pikkolo, 3. auch Altflöte)
    3 Oboen (3. auch Englischhorn)
    3 Klarinetten
    Bassklarinette
    3 Fagotte (3. auch Kontrafagott)
    4 Hörner
    3 Trompeten
    3 Posaunen
    Tuba
    Pauken
    4 Schlagzeuger
    Harfe
    14 Violinen I
    12 Violinen II
    10 Violen
    8 Violoncelli
    6 Kontrabässe
  • Dauer ca. 18 Minuten
  • Europäischer Komponistenpreis der Stadt Berlin
  • Hörprobe
    RIAS Jugendorchester
    Dirigent: Hermann Bäumer
    mp3
  • erschienen bei:
    Theophilius Productions
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Bei der Uraufführung standen noch das Konzert für Klavier und Orchester (1957/58) von Mikis Theodorakis und Die Seejungfrau (1902/03) von Alexander Zemlinsky auf dem Programm.

Luftiger Tanz, geerdet

Gedanklich setzt Joachim F.W. Schneider dort an, wo Zemlinskys symphonisch erzählte Geschichte endet: bei den Geistern der Lüfte; die Sylphiden bilden deren weibliche Abteilung. Entstehungsgeschichtlich trennt die beiden Werke ziemlich genau ein Jahrhundert. Zwischen ihnen liegen die kreative Erfahrung der Moderne und der Avantgarden von Arnold Schönberg bis Helmut Lachenmann. Schneider nutzt in seinen SYLPHIDENTÄNZEN nicht nur die herkömmlichen Spielweisen der Instrumente, sondern verlangt den Musikern auch einen nicht ganz ungewöhnlichen Umgang mit ihrem kostbaren Handwerkszeug ab. Die klanglichen und funktionellen Grenzen zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen und -familien verschwimmen dadurch. Perkussive Effekte können auch bei den Bläsern entstehen, Schlagwerk und Streicher begegnen sich in gleitend verzogenen Tönen, und nicht nur die Saiteninstrumente sind zu Mehrklängen fähig.

SylphidentaenzeDen Anfang bestimmen Rhythmus, Luftgeräusch, Windhauch und einzelne, wie Rufe eingeworfene Töne oder Motivbrocken. Ereignisse von unbestimmter Tonhöhe – Geräusche – herrschen vor. Im zweiten Abschnitt ändern sich die Rhythmusbilder, sie werden umgeben von auf- und absteigenden Skalen, deren Tonhöhen genau definiert sind. Ganz leise soll alles gespielt werden, wie aus weiter Ferne. Der dritte Abschnitt greift wieder auf Material des ersten zurück, ordnet es neu, durchsetzt es stärker mit Motiven von bestimmter Tonhöhe, die teilweise weit ausgreifen, Momente aus dem zweiten Abschnitt werden zusätzlich aufgerufen. Dem aufgelockerten vierten Abschnitt geben bewegte Flageoletts der Streicher die klangliche Grundlage, in die rhythmische Gruppen eingeblendet werden. Figurationen des Windes, wie sie im Anfangsabschnitt eingeführt wurden, erscheinen hier vergrößert. Die Ereignisse verdichten sich zusehends und beziehen Elemente aus den ersten beiden Abschnitten ein. Der beschleunigte Puls des Rhythmus leitet in den fünften Abschnitt über, eine weitere Variante des ersten, in dem die Verläufe mit bestimmter Tonhöhe noch stärker vertreten sind. Damit ist der erste Teil des Werkes abgeschlossen. Mit der (veränderten) Wiederkehr des Anfangsabschnitts ist er formal wie ein Tanzstück angelegt. Die rondoartige Struktur wird jedoch von einer durchgehenden Entwicklung überlagert, bei der sich die Merkmale der verschiedenen Abschnitte annähern und überschneiden.

Im zweiten Teil rückt die Musik dem Hörer näher, verlässt die leisen, entfernten Bereiche; das gesamte Orchester findet zu konzentrierter Aktion. Eines dieser sehr genau durchstrukturierten Sturmbilder, wie sie für Zemlinsky eine hohe musikalische Herausforderung darstellten? In einer Passage gegen Ende schwanken die Tonhöhen leicht, so wie es sich im Freien bei ständig wechselnder Windrichtung und -stärke ergibt. Schneider nimmt den Titel seines Werkes nicht nur als gedanklichen Anstoß, er führt ihn musikalisch durch.

Habakuk Traber im Programmheft

 

Und heil wieder heraus aus dem Gewimmel

Eine Uraufführung bei young.euro.classic

von Peter Uehling

Uraufführungen gehören häufig zu den Schwachpunkten der young.euro.classic-Konzerte. (...) Als beim Konzert des RIAS Jugendorchesters am Freitag ein Werk des 1970 geborenen und in Würzburg lebenden Joachim F.W. Schneider angesetzt war, dämpfte allein der unbekannte Name die Erwartung des Rezensenten. Der Titel Sylphidentänze ließ zudem belanglos-poetischen Klingklang befürchten, sei es nun im verbindlich-programmatischen Stil der Henze-Nachfolge oder als Klangerforschung im Sinne handelsüblicher Avantgarden.

Es war dann beides nicht. Das Werk bedurfte nicht eines Typus, um erkennbar zu sein, es war stark genug, für sich selbst zu sprechen. (...)

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(BERLINER ZEITUNG, 18. August 2003)

 

Auf die Tasten geschmiert

Das war die beste Zugabe des Jahres: Nachdem sich Cyprien Katsaris mit beiden Händen durch den aufgedunsenen Teig von Mikis Theodorakis' Klavierkonzert gewalkt hatte, setzte er sich nochmals an den Flügel – und schmierte Wolfgang Amadeus Mozarts „Butterbrot“ mit trockenem Humor auf die Tasten. Beim Witz ist Timing alles: Fast schien es, als mokiere sich der achtjährige Mozart mit seinen hingeschmierten Tonleitern über Theodorakis' genauso simple, aber mit gewichtigem Pathos daherstolzierende Skalen. Oder über die zuvor uraufgeführten Sylphidentänze (...)

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Carsten Niemann (DER TAGESSPIEGEL, 18. August 2003)

 

Blechlawinen lähmen Jugend

Drei schwache Stücke, das verkraftet selbst der stärkste Abend nicht. Auch nicht bei "Young Euro Classic", dem Jungbrunnen dieses hundsheißen Sommers. Das RIAS Jugendorchester, traditionsreicher Nachwuchsförderer mit Heimvorteil, hatte mit Joachim F.W. Schneiders Auftragswerk Sylphidentänze gleich zu Anfang ein Werk vor sich, das sich müßig durch Blechlawinen, Holzbruch und Streicherpfützen wälzt. (...)

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(BERLINER MORGENPOST, 17. August 2003)