Erdwärts

(2002)

 

  • für Akkordeon
  • Dauer ca. 15:15
  • Auftragswerk des Jugend-IKAB
  • Uraufführung am 28. Mai 2003 in Berlin durch Nancy Laufer
  • erschienen bei:
    Theophilius Productions
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Erdwaerts

Jeder kennt das Spiel, bei dem sich eine Person einen Gegenstand ausdenkt und die anderen diesen durch Fragen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können, zu erraten versuchen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass sich besagte Person gar nicht auf einen bestimmten Gegenstand festlegt, sondern die Fragen zunächst eher willkürlich mit Ja oder Nein beantwortet. Die einzige Einschränkung ist, dass sich die Antworten nicht widersprechen dürfen. Auf diese Weise entsteht der zu erratende Begriff erst nach und nach durch die Kombination aus Fragen und Antworten.

Mein Komponieren ähnelt, wie mir scheint, oft dieser zweiten Art. Wenn ich mit der Arbeit an einem Stück beginne, habe ich in den wenigsten Fällen das gesamte Werk vor Augen – ähnlich der Person, die gar keinen Gegenstand zum Erraten festlegt. Mir kommt es dann oft so vor, dass den anfänglichen Ideen wie den Antworten im Spiel etwas Willkürliches und Zielloses anhaftet, auch wenn ich weiß, dass – um in dem Bild vom Spiel zu bleiben – jede Antwort großen Einfluss auf alle weiteren Antworten hat (sie dürfen sich nicht widersprechen), genauso wie sie wiederum durch alle vorherigen Antworten bestimmt wurde.

In ERDWÄRTS habe ich zunächst einmal mehrere kurze Ideen unverbunden und übergangslos aneinandergereiht, so dass das Stück formal betrachtet gewissermaßen mit einer Aufzählung von musikalischem Material beginnt. Die meisten der folgenden Formteile sind groß angelegte Entwicklungen, die jeweils eine der anfänglichen Ideen als Ziel haben. Ich verstehe dies wie eine nachträgliche Erklärung des Anfangs, wie eine nicht chronologische Szenenfolge.

 

Klaus Trapp im DARMSTÄDTER ECHO vom 10. Juni 2003:

(...) Einen Schock versetzte die junge Akkordeonistin Nancy Laufer den Zuhörern (...) zu Beginn ihres Soloabends. Das ihr gewidmete neue Stück ERDWÄRTS von Joachim F.W. Schneider wartet mit überraschenden Kontrasten und modernen Effekten auf: Cluster, Glissandi, Tremoli und Balggeräusche. Die Berliner Musikerin (...) vertiefte sich so intensiv in das avantgardistische Werk, dass sie ihr Publikum fesselte (...)

 

Markus Noichl in der ALLGÄUER ZEITUNG vom 25. Juni 2003:

(...) Vorbeihuschende, irrlichternde Klangreize und Schemen, flüchtig gehalten (...)

 

Nancy Laufer über Erdwärts:

Hinter allen Dingen gibt es eine Ordnung.
Diese ist gut, wenn sie wahr ist und mit der Idee übereinstimmt.

ERDWÄRTS In Erdwärts vereinigen sich verschiedene ästhetische Elemente, von barocker Fülle und Strukturiertheit bis hin zu als zufällig empfundenen Klangfragmenten; von ausladender Expressivität bis hin zu feinsinniger Poesie.

Zu Beginn des Stückes werden zunächst einzelne Teile aneinandergereiht, in denen jeweils eines dieser Elemente zum Ausdruck kommt: ein rhythmisches Muster, rasend schnell und an der Grenze des motorisch Umsetzbaren, wird abgelöst von einer melodischen Linie, die sich ihren Weg durch tiefe, zähflüssige und dicht ineinander verwobene Akkorde bahnen muss. Hat sie dies erreicht, löst sich ein einzelner Oberton aus ihr heraus, der sich flüchtig aufwärts windet, dessen Spur sich dem Ohr schnell entzieht und uns in eine Art Negativ-Bereich der Töne führt, eine unwirkliche Welt, in der Klänge existieren, die scheinbar zufällig und kaum wahrnehmbar vom nichthörbaren in den hörbaren Zustand wechseln und umgekehrt. Dabei versuchen die hörbar gewordenen Klänge einander zu halten, indem z.B. in der rechts gespielten Stimme das aufgegriffen wird, was kurz zuvor links erklang.

Hinter der Sinnenwelt gibt es eine andere Welt,
die Welt der Ideen.

Nun beginnt der groß angelegte Mittelteil, der von langen, virtuosen Passagen geprägt ist. Alle bis dahin bekannt gewordenen Elemente mit Ausnahme des eben beschriebenen „negativen Bereiches“ werden beinahe überdimensional vergrößert und nach und nach miteinander verflochten.

Ähnlich wie in einem der vorangegangenen Teile etabliert sich eine nach oben strebende Floskel, die trotz düster-schwerer Akkordbegleitung nicht davon abzuhalten ist, ihren Weg quasi „himmelwärts“ zu nehmen, mit dem Unterschied, dass ihr „Schweif“ nun nicht mehr die Länge eines Taktes hat, sondern die einer ganzen Seite!

Als seien alle bisher beteiligten Ideen nun erschöpft und ihr Potenzial aufgebraucht (die Muskeln des Spielers sind es jedenfalls!), kommen nun diejenigen zu Wort, die gewöhnlich im Hintergrund sind: die Nebengeräusche. Diese werden jedoch durch genaue Spielanweisungen kultiviert und bilden wiederum eine eigenständige Klanggruppe, die allmählich den Kontakt zu anderen, bereits da gewesenen Elementen sucht und schließlich einen Dialog mit der Anfangsidee führt, nämlich der Melodielinie, die sich durch zähe Akkorde zu winden hat. Doch während diese Melodie vorhin über einen Oberton in die Klangwelt des „negativen“ führte, mündet sie nun völlig unvorbereitet in einen fulminanten Ausbruch von Akkorden und Clustern, basierend auf dem Rhythmusmodell, mit dem das Stück eröffnet wurde. Auch hier eine extreme Zuspitzung bis an den Rand des Möglichen.

Alle Dinge um uns herum
Haben einen gemeinsamen Nenner
Und bestimmte Formen.

Der Schlussteil steht in seiner Länge und eigenen inneren Schlüssigkeit dem gesamten Stück gegenüber. Es handelt sich um die bereits angedeuteten kurz aufleuchtenden Klänge und Töne, die der Zuhörer mehr ahnen als hören kann. Dazwischen flicht sich gelegentlich ein schneller, flüchtiger pianissimo-Basslauf ein, erinnernd an einen einzelnen Kontrabassspieler. Dieser bleibt übrig und versetzt die Hörenden durch seine ebenso selten wie zufällig gespielten quirligen Floskeln in einen Zustand höchster Gespanntheit, für deren Auflösung nichts anderes in Frage kommt, als die Stille zwischen dem letzten Ton und dem ersten Applaus.

Die Ideen, das Bild im Kopf,
Alles ist Veränderung unterlegen.
Aber die Welt der Ideen bleibt wie sie ist:

Für uns alles.
Für andere nic
hts.