Klavierstück II

(1995)

 

  • Dauer ca. 14 Minuten
  • Uraufführung am 9. Juni 1995 in Berlin durch Philip Mayers

 

Klavierstueck2Da huschte ein Eichhorn über die Strecke, und Thiel besann sich. Er musste an den lieben Gott denken, ohne zu wissen, warum. „Der liebe Gott springt über den Weg, der liebe Gott springt über den Weg.“ Er wiederholte diesen Satz mehrmals, gleichsam um auf etwas zu kommen, das damit zusammenhing. Er unterbrach sich, ein Lichtschein fiel in sein Hirn: „Aber mein Gott, das ist ja Wahnsinn.“
(Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel)

Das Stück war inspiriert von Gerhart Hauptmanns novellistischer Studie „Bahnwärter Thiel“.

In einem kurzen, dunklen, mit „Presto“ überschriebenen ersten Satz wird das Heranrollen der Eisenbahn als ein Bild für nahendes Unheil beschrieben, wie es auch bei Hauptmann zu finden ist. Die Katastrophe tritt allerdings noch nicht ein, vielmehr klingt der Satz verhalten aus.

Als Hauptteil des Werkes folgt ein lyrischer zweiter Satz, in dem im Gegensatz zur Situationsbeschreibung des ersten Satzes der Blick auf das Innere der Protagonisten gerichtet wird. Dies geschieht in zumeist kurzen, in Faktur und Dichte sehr unterschiedlichen Abschnitten, was dem Satz einen zerrissenen, durchführungsartigen Charakter verleiht.

Nach einer Reminiszenz, in der die Thematik des ersten Satzes (Heranrollen des Unheils) in einer kontinuierlichen Entwicklung von ppp bis fff dargestellt wird, tritt nun die im ersten Satz noch ausgesparte Katastrophe ein.

Das letzte Bild des Stückes zeigt den apathisch dasitzenden Thiel, der das Mützchen seines toten Kindes im Arm hält.